Praxiswissen zu Lager, Kommissionierung und Materialfluss.

Im Fachblog greifen wir Fragen auf, die uns in Projekten immer wieder begegnen: Wie wählt man die passende Kommissioniermethode, welche Kennzahlen zeigen, ob ein Lager wirtschaftlich arbeitet, und wo setzt man an, wenn es im Lager eng wird? Die Grundlagen zu den einzelnen Systemen finden Sie in unserer Wissensbasis Intralogistik.

Lagerkennzahlen: Die wichtigsten KPIs für Ihr Lager und wie Sie sie berechnen

5 Min. Lesezeitvon Jürgen Kohl
LOMAS SCADA-Leitstand mit Lagerkennzahlen wie Auslastung und Performance

Ein Lager bindet Kapital, Fläche und Personal. Ob es das wirtschaftlich tut, zeigen Lagerkennzahlen. Sie machen sichtbar, wie schnell Ware umschlägt, wie lange sie liegt und wie zuverlässig das Lager liefert. Dieser Beitrag stellt die wichtigsten Kennzahlen mit Formeln vor und rechnet sie an einem durchgehenden Beispiel durch.

Das Beispiel: ein Lager mit 2,4 Mio. € Jahresverbrauch

Alle Formeln in diesem Beitrag rechnen wir an demselben Beispiel: Ein Ersatzteillager hat einen Jahresverbrauch (Wareneinsatz zu Einstandspreisen) von 2.400.000 €. Der Bestand lag zu Jahresbeginn bei 380.000 € und am Jahresende bei 420.000 €.

Durchschnittlicher Lagerbestand

Fast alle Bestandskennzahlen bauen auf dem durchschnittlichen Lagerbestand auf. Die einfache Formel lautet:

Ø Lagerbestand = (Anfangsbestand + Endbestand) / 2

Im Beispiel: (380.000 € + 420.000 €) / 2 = 400.000 €. Genauer wird der Wert mit mehr Stichtagen: (Jahresanfangsbestand + 4 Quartalsendbestände) / 5 oder, üblicher, (Jahresanfangsbestand + 12 Monatsendbestände) / 13. Das gleicht saisonale Schwankungen aus, die die Zweipunktformel übersieht. Wichtig ist, dass Bestand und Verbrauch gleich bewertet sind, in der Regel zu Einstandspreisen.

Lagerumschlagshäufigkeit und Lagerdauer

Die Lagerumschlagshäufigkeit gibt an, wie oft der durchschnittliche Bestand in einer Periode vollständig verbraucht und ersetzt wird:

Lagerumschlagshäufigkeit = Jahresverbrauch / Ø Lagerbestand

Im Beispiel: 2.400.000 € / 400.000 € = 6. Daraus folgt die durchschnittliche Lagerdauer:

Ø Lagerdauer = 360 Tage / Lagerumschlagshäufigkeit

Im Beispiel: 360 / 6 = 60 Tage. Ein Artikel liegt also im Schnitt zwei Monate im Lager. Gerechnet wird hier mit dem kaufmännischen Jahr von 360 Tagen; mit 365 Kalendertagen ergeben sich rund 61 Tage. Wichtig ist, für den Lagerzinssatz dieselbe Basis zu verwenden. Steigt die Umschlagshäufigkeit bei gleichem Verbrauch, sinken Kapitalbindung und Lagerrisiko. Sinnvoll ist die Kennzahl vor allem je Artikelgruppe, denn ein Gesamtwert verdeckt, dass Schnelldreher und Ladenhüter nebeneinander liegen.

Kennzahlen in Echtzeit statt aus der Jahresbilanz

Ein Lagerverwaltungssystem erfasst jede Bewegung, sobald sie passiert. Umschlag und Reichweite lassen sich so je Artikel auswerten, die Kommissionierleistung je Zone und Schicht, und zwar laufend.

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Reichweite

Die Reichweite beantwortet die Frage, wie lange der aktuelle Bestand beim erwarteten Verbrauch noch reicht:

Reichweite = aktueller Bestand / Ø Verbrauch pro Periode

Im Beispiel liegt der Monatsverbrauch bei 2.400.000 € / 12 = 200.000 €. Am Jahresende sind 420.000 € auf Lager. Daraus ergibt sich eine Reichweite von 420.000 € / 200.000 € = 2,1 Monaten, rund 63 Tage. Die Lagerdauer von 60 Tagen beschreibt dagegen den Durchschnitt des vergangenen Jahres. Anders als die Umschlagshäufigkeit ist die Reichweite eine Stichtagsgröße und eignet sich für die Disposition einzelner Artikel. Dort rechnet die Disposition meist mit dem geplanten künftigen Verbrauch statt mit dem Vorjahresdurchschnitt.

Eng verwandt ist der Meldebestand, bei dem nachbestellt werden muss: Meldebestand = Verbrauch pro Tag × Wiederbeschaffungszeit in Tagen + Sicherheitsbestand. Der Sicherheitsbestand puffert Verbrauchsschwankungen und Lieferverzögerungen ab und sollte bei der Reichweite nicht als frei verfügbar gelten.

Lagerzinssatz: was der Bestand kostet

Gebundenes Kapital verursacht Zinskosten. Der Lagerzinssatz rechnet den Jahreszins auf die tatsächliche Lagerdauer um:

Lagerzinssatz = Jahreszinssatz × Ø Lagerdauer / 360

Bei einem kalkulatorischen Zins von 6 % im Beispiel: 6 % × 60 / 360 = 1 %. Auf den durchschnittlichen Bestand von 400.000 € entspricht das 4.000 € Zinskosten je Lagerdauer von 60 Tagen. Aufs Jahr gerechnet sind es bei sechs Umschlägen 24.000 €, also 6 % von 400.000 €.

Hinzu kommen die Lagerkosten für Fläche, Personal, Technik, Versicherung, Schwund und Veralterung, die in der Praxis meist deutlich höher liegen als die reinen Zinsen. Ins Verhältnis zum Bestand gesetzt ergibt sich der Lagerkostensatz:

Lagerkostensatz = Lagerkosten pro Jahr / Ø Lagerbestand × 100

Nehmen wir für das Beispiel Lagerkosten von 60.000 € im Jahr an. Dann beträgt der Lagerkostensatz 60.000 € / 400.000 € = 15 %. Zusammen mit dem Jahreszins von 6 % ergibt sich ein Lagerhaltungskostensatz von 21 % pro Jahr: Jeder Euro Bestand kostet jährlich 21 Cent, im Beispiel insgesamt 84.000 €.

Leistungs- und Qualitätskennzahlen

Bestandskennzahlen sagen nichts darüber, wie gut das Lager arbeitet. Dafür gibt es operative Kennzahlen:

  • Servicegrad (Lieferbereitschaft): termingerecht und vollständig ausgelieferte Aufträge / alle Aufträge × 100. Daneben sind mengenbezogene Varianten verbreitet, etwa der Anteil der Bedarfsmenge, der sofort ab Lager geliefert werden kann (β-Servicegrad). Legen Sie fest, welche Variante Sie messen.
  • Kommissionierleistung: Positionen oder Picks pro Mitarbeiterstunde.
  • Kommissionierfehlerquote: fehlerhafte Positionen / kommissionierte Positionen × 100.
  • Bestandsgenauigkeit: Anteil der Lagerplätze, deren Buchbestand bei der Inventur mit dem Istbestand übereinstimmt.
  • Lagerplatzauslastung: belegte Lagerplätze / verfügbare Lagerplätze × 100.

Für automatisierte Anlagen kommt die Verfügbarkeit der Technik hinzu. Wer sie wie in der Produktion bewertet, landet bei der Gesamtanlageneffektivität (OEE).

Woher die Daten kommen

Kennzahlen sind nur so gut wie ihre Datenbasis. Werden Bestände erst am Monatsende gebucht oder Picks nicht quittiert, beruhen die Kennzahlen auf geschätzten Werten. Ein Lagerverwaltungssystem bzw. Warehouse Management System erfasst Bewegungen in Echtzeit. Bestandskennzahlen müssen dann nicht mehr aus Jahresabschluss oder Inventur abgeleitet werden.

Fazit

Keine Kennzahl steht für sich. Eine hohe Umschlagshäufigkeit ist nur dann gut, wenn der Servicegrad nicht leidet, und eine sehr hohe Platzauslastung wird zum Problem, wenn sie Umlagerungen erzwingt und die Kommissionierleistung senkt. Wählen Sie wenige Kennzahlen, die zu Ihren Zielen passen, und betrachten Sie sie gemeinsam.

Häufige Fragen

Einen allgemeingültigen Zielwert gibt es nicht, weil die Umschlagshäufigkeit stark von Branche und Sortiment abhängt. Lebensmittel schlagen wegen kurzer Haltbarkeit deutlich schneller um als Ersatzteile. Aussagekräftig ist vor allem der Vergleich über die Zeit und zwischen Artikelgruppen im eigenen Lager.

Die durchschnittliche Lagerdauer ergibt sich aus 360 Tagen geteilt durch die Lagerumschlagshäufigkeit. Bei einer Umschlagshäufigkeit von 6 liegt ein Artikel im Schnitt 60 Tage im Lager.

Die Lagerdauer ist ein Durchschnittswert über eine vergangene Periode, meist ein Jahr. Die Reichweite ist eine Stichtagsgröße: Sie gibt an, wie lange der aktuelle Bestand beim erwarteten Verbrauch noch reicht, und eignet sich deshalb für die Disposition.

Bestandskennzahlen lassen sich aus der Buchhaltung ableiten, operative Kennzahlen wie Kommissionierleistung oder Fehlerquote dagegen nur aus den Bewegungsdaten des Lagers. Diese liefert ein Lagerverwaltungssystem, sofern jede Bewegung gebucht und jede Entnahme quittiert wird.

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